Der Mann der von der Brücke pinkelt
geschrieben in gesellschaftliches, menschliches am Juni 3rd, 2011 von ra.f.Tatort Autobahn A6, Höhe Ausfahrt Rauenberg, 17:48 Uhr … ein Mann … mittleren Alters, gelbes T-Shirt, beige Shorts, kurze, dunkle Haare, stellenweise kahl, soweit ich das in der Kürze des Moments erfassen konnte … steht auf der Brücke, welche über die Autobahn führt, packt seinen Johannes aus und pisst von oben auf die Fahrbahn.
Liebe Leser, dieses Verhalten mag euch jetzt abstoßend und widerlich erscheinen. Aber ich möchte folgendes zu bedenken geben. Ist es nicht (1) zu verstehen, dass ein Mann, der tagein tagaus seine naturgegeben, animalischen Triebe unterdrücken muss, sich hingebungsvoll aufopfert für das Wohl seiner Familie, Liebe heuchelt wo Leidenschaft längst ausgestorben ist, Fürsorge und Geduld zeigt, wo die Nerven oft blank liegen, seine Sehnsüchte, seine Träume für sich behält um niemanden damit zu belasten, ist es ihm da nicht zu gönnen, diesem lieben Familienvater, an einem Tag des Jahres, dem Tag der zu seinen Ehren Vatertag benannt wurde, sich die Freiheit zu nehmen, dem Druck seiner Existenz körperliche Entlastung zu verschaffen? Und ist es nicht (2) diese rebellische Auflehnung gegen die bestehende Ordnung, die das Rückrat unserer Gesellschaft erst richtig erstarken lässt, eine Gemeinschaft die auf den kreativen, aufmüpfigen und freien Geist angewiesen ist, welche dieser namenlose Held durch seine symbolische Tat, wie Phönix aus der Asche gleich zu neuem Leben erweckt, und somit unserem babylonischen Tun, durch hinzufügen eines weiteren Bausteins zu neuer Höhe und Stabilität verhilft?
Mitnichten! Und nein, das besoffene Schwein hat mich nicht getroffen, ich konnte ausweichen und fuhr glücklicherweise auch kein Cabrio.
| Tags: Schwein, Vatertag



Ich als bekennender Motorradfahrer hätte ihn an seinem Schnideldingens gepackt und einen Kilometer lang über die Autobahn geschleift, hätte er mich mit seinem goldenen Strahl getroffen.
Wer unüberlegt oder im Vollsuff von der Brücke pinkelt, kackt wohl auch sonst auf jegliches anständige Verhalten.
Naja solange er “nur” von der Brücke pinkelt und keine Steine oder andere Gegenstände wirft…bleibt dennoch eklig und widerlich.
Aber drücken nicht die Punkte (1) und (2) gerade das Sehnen aus, dass wir manchmal empfinden, wenn wir die “Rebellen” des Alltags sehen. Wenn wir für einen kurzen Moment jegliche Realität (eklig, widerlich) ausblenden und uns wünschen, wir könnten einfach auch mal “drauf scheißen” bzw. in diesem Fall pissen.
Der Unterschied zwischen dem besoffenen Schwein und den meisten Menschen ist aber, dass wir wissen, dass man das nicht macht und dass es potentielle wütende Autofahrer/Motoradfahrer nach sich zieht. Und das man es einfach nicht macht.