(Di-)Versificator

geschrieben in gesellschaftliches, menschliches am Juni 24th, 2011 von ra.f.

“It was one of countless similar songs published for the benefit of the proles by a sub-section of the Music Department. The words of these songs were composed without any human intervention whatever on an instrument known as a versificator. But the woman sang so tunefully as to turn the dreadful rubbish into an almost pleasant sound.”

So hat es Orwell in 1984 beschrieben. Selbst der letzte Mist, selbst wenn von einer Maschine, einen Instrument ohne menschlichem Zutun geschaffen, und mit dem einzigen Zwecke versehen, die niederen Proleten, die Primitiven oder Asozialen zu unterhalten und zu verblöden, lässt sich durch das Wunder eines unbezwungenen Geistes, egal wie gebildet, egal wie aufgeklärt, von Blei zu Gold verwandeln. Das ist es woran ich glaube.

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Rinderwahn

geschrieben in gesellschaftliches, nachdenkliches am Juni 17th, 2011 von ra.f.

Irgendwann wird man dich in die Fabrik karren, wird dir 1000 Volt verpassen, dich in zwei Hälften zersägen und in Stücke zerhacken, dir das Fleisch vom Knochen trennen, dich in Plastik packen, vakuum dicht  ins Kühlregal schmeißen. Und wenn du Glück hast vergammelst du da, wartest auf dein Verfallsdatum, an dem sie dich in der Müllverbrennung entsorgen. Und wenn du Pech hast, dann bezahlt dich so ein armer Idiot, haut dich in die Pfanne, packt dich zwischen weißes Brot, kaut auf dir rum und scheißt dich wieder aus.

Aber wer denkt schon an sowas wenn er auf der grünen Wiese steht oder im Pferch und das billige Fastfood in sich reinschaufelt.

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Der Mann der von der Brücke pinkelt

geschrieben in gesellschaftliches, menschliches am Juni 3rd, 2011 von ra.f.

Tatort Autobahn A6, Höhe Ausfahrt Rauenberg, 17:48 Uhr … ein Mann … mittleren Alters, gelbes T-Shirt, beige Shorts, kurze, dunkle Haare, stellenweise kahl, soweit ich das in der Kürze des Moments erfassen konnte … steht auf der Brücke, welche über die Autobahn führt, packt seinen Johannes aus und pisst von oben auf die Fahrbahn.

Liebe Leser, dieses Verhalten mag euch jetzt abstoßend und widerlich erscheinen. Aber ich möchte folgendes zu bedenken geben.   Ist es nicht (1) zu verstehen, dass ein Mann, der tagein tagaus seine naturgegeben, animalischen Triebe unterdrücken muss, sich hingebungsvoll aufopfert für das Wohl seiner Familie, Liebe heuchelt wo Leidenschaft längst ausgestorben ist, Fürsorge und Geduld zeigt, wo die Nerven oft blank liegen, seine Sehnsüchte, seine Träume für sich behält um niemanden damit zu belasten, ist es ihm da nicht zu gönnen, diesem lieben Familienvater, an einem Tag des Jahres, dem Tag der zu seinen Ehren Vatertag benannt wurde, sich die Freiheit zu nehmen, dem Druck seiner Existenz  körperliche Entlastung zu verschaffen?  Und ist es nicht (2) diese rebellische Auflehnung gegen die bestehende Ordnung, die das Rückrat unserer Gesellschaft erst richtig erstarken lässt, eine Gemeinschaft die auf den kreativen, aufmüpfigen und freien Geist angewiesen ist, welche dieser namenlose Held durch seine symbolische Tat, wie Phönix aus der Asche gleich zu neuem Leben erweckt, und somit unserem babylonischen Tun, durch hinzufügen eines weiteren Bausteins zu neuer Höhe und Stabilität verhilft?

Mitnichten! Und nein, das besoffene Schwein hat mich nicht getroffen, ich konnte ausweichen und fuhr glücklicherweise auch kein Cabrio.

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Freiheit ist …

geschrieben in gesellschaftliches, nachdenkliches am Mai 29th, 2011 von ra.f.

… deinem Auto die Entscheidung zu überlassen welche Straße es befahren will, um dennoch immer an einen Ort zu gelangen der dir vertraut ist. Es ist Nacht, es ist Sonntag, die Sperrstunde ist seit Minuten überschritten. Der Barkeeper wischt den Tresen. Ich trink aus und trete hinaus. Die Dunkelheit wirkt friedlich und beruhigend. Ich lasse mich weiter treiben und im Radio stellt Pink Floyd die Frage “did you exchange a walk on part in the war for a lead role in a cage?”

… mir auf der Market Street, Höhe Hotel Whitcomb ein Plätzchen vor dem runtergekommenen Burger King zu sichern. Es ist Nacht, es ist Sonnabend, ein steter Wind weht durch die Stadt in die Bay. Der Boden ist kalt, die braune Tüte macht es erträglich. Die aufgetakelten Miezen der lower Middle Class stolzieren auf ihren glizernden Pumps an mir vorbei. Ich hasse sie. Sie rümpfen die Nase als ihnen mein beißender Geruch nach Pisse in die Nase steigt. Sie wenden sich ab. Angeeckelt von mir! Bald schon haben sie vergessen und träumen weiter ihren Traum vom Land of the free.

Ist das Freiheit? Ist das Sklaverei?

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Pisagisten

geschrieben in gesellschaftliches, politisches am Dezember 8th, 2010 von ra.f.

Heute morgen habe ich zwei Artikel über die neue Pisa Studie in einer regionalen Tageszeitung gelesen.

Der erste Artikel auf der Titelseite bejubelte die positive Entwicklung im deutschen Schulsystem in den letzten 10 Jahren, was dazu führte das sich Deutschland im internationalen Ranking von einem hinteren Platz im Mittelfeld auf einen mittleren Platz im Mittelfeld verbesserte. Weitere Einsichten in die Studie gab es kaum, lediglich darauf aufbauende Schlussfolgerungen.

Im zweiten Artikel wurde versucht näher auf die Studie einzugehen. Es wurde versucht das zustande kommen der Ergebnisse zu erklären. Darunter durchaus auch kritische Anmerkungen, wie z.b., dass die Verbesserungen auch dadurch zu erklären wäre, dass deutsche Schüler einfach besser auf die Art von Aufgaben vorbereitet waren wie sie im Pisa-Test gestellt wurden, da ähnliche Aufgaben seit der ersten Pisa Studie vermehrt an den Schulen geübt werden.

Das seltsame dabei, der zweite Artikel befand sich auf der Seite die sich an Kinder und Jugendliche wendet.

Jetzt frage ich mich, wieso ist man bemüht Kindern und Jugendlichen eine detailliertere Analyse zu vermitteln als Erwachsenen.

Ich sehe zwei mögliche Gründe dafür:

  1. man hält Erwachsene, also die dumme Vor-Pisa Generation, für unfähig dieser Analyse intellektuell zu folgen, oder
  2. ich bin einfach zu blöd, da die oben beschriebe Erkenntnis ja schließlich intuitiv jedem Normal-Erwachsenen einleuchten müsste, ohne dass man sie ihm wie einem kleinen Kind unter die Nase reibt.

Ich grüble noch darüber, was wohl das zutreffende ist. Falls es Möglichkeit 2 ist werde ich aber wohl nie drauf kommen. Vielleicht sollte ich mich zukünftig besser auf die Bild-Zeitung beschränken.

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Weltmaschine

geschrieben in gesellschaftliches am März 31st, 2010 von ra.f.

Nun haben sie die 3 Milliarden Maschine endlich zum laufen gebracht.  Protonen werden beschleunigt und prallen aufeinander. Dabei sollen dann so niedliche Dinge wie Ups und Downs, Myonen und Neutrinos oder Higgs´ entstehen. Tausende Wissenschaftler und Techniker sind stolz wie Oskar auf ihr neues Spielzeug und wir alle freuen uns mit ihnen, die kleinste Lokalzeitung hat es auf ihrem Titelblatt, im TV ganz präsent zur besten Sendezeit.

Aber über was freuen wir uns da eigentlich?  Nun, der Experimentalphysik  ist gelungen einen 27km umfassenden Versuchsaufbau zu installieren. Bravo! Die mediale Präsenz  zeigt, dass die Wissenschaft in Sachen PR in den letzten Jahren kräftig dazugelernt hat. Das Motto lautet: raus aus den Elfenbeintürmen und versuchen das eigene, unverständliche und teure  Tun irgendwie in spannende Unterhaltung umzumünzen.

Aber gibt es denn schon Erkenntnisse? Nein natürlich nicht! Wie gesagt, das ist ja erstmal nur der Versuchsaufbau, eine Datensammelmaschine. Die Versuche werden jetzt erst stattfinden und die gewonnenen Daten müssen ausgewertet werden. Mit ein bisschen Glück lassen sich dann damit die aktuell angesagten Theorien über das Universum und den ganzen Rest experimentell beweisen. Theorien deren mathematische Zusammenhänge nur von einem kleinen,elitären Kreis von Eingeweihten verstanden werden. Wenn es nicht so glücklich verläuft entstehen dabei nur weitere Fragen und noch mehr wundervolle Formeln, aber das wird man dann nicht auf den Titelseiten lesen.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin ein großer Fan der Wissenschaft und auch der Grundlagenforschung um die es sich hier handelt. Aber solange ein halber Kontinent an einer Seuche namens AIDS krepiert, die Zahl der Krebserkrankungen und Todesfälle jährlich zunimmt, Gletscher schmelzen und täglichen Millionen Tonnen fossiles Brennmaterial verheizt werden, ist es für mich schwer zu verstehen wie man soviel Aufwand an Geld und Intelligenz in ein Projekt investieren kann das zum Ziel hat dem Urknall eine billionstel Sekunde näher zu kommen.

Muss nicht auch Grundlagenforschung zielgerichtet sein? Darf  man diesen Anspruch nicht erheben oder  ist das dann Frevelei am Genius unserer Zeit?

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Danny (18)

geschrieben in gesellschaftliches, menschliches am März 8th, 2010 von ra.f.

Danny war kein unbeschriebenes Blatt. Vor vier Jahren galt er als der schlimmste Jugendliche im Land, so nannten ihn seine Eltern und eine Zeitung  brachte es ganz groß raus. Damals war er der Held in der Hölle. Die Hölle, das war das Heim in das man ihn gesteckt hatte. Der Triumph des Ruhms hielt nicht lange an, bald darauf war da nur noch Wut und Hass auf alles und jeden. Und er lies es raus, jeder bekam es zu spüren, Psychologen, Erzieher, Mitbewohner, immer brutaler, ohne Gnade. Man steckte ihn schließlich in eine Jugenderziehungsanstalt, schloss in weg, man vergaß ihn.

Es gab Momente da dachte er über sein Handeln nach und es gab auch Momente da wollte er sich ändern. Doch er konnte sich nicht kontrollieren, nicht beherrschen, er konnte die Grenzen nicht erkennen über die er trat. Er hat schon immer getan was er wollte, man hat ihn tun lassen, andere zählten nicht, null Toleranz.

Es geschah drei Monate vor seinem achtzehnten Geburtstag. Ein neue Sozialarbeiterin trat ihren Dienst in der Anstalt an. Sie war um die 30 und  hatte entfernt Ähnlichkeit mit seiner Mutter.  Er hasste sie.

Bei ihrem ersten Gespräch lies er sie seine Verachtung spüren, beschimpfte sie, beleidigte sie und er sah das sein Worte Wirkung zeigten. Aber er sah auch das er sie nicht brechen konnte und seine Waffen wurden stumpf. Sie sagte: “hör auf damit!” Er begann zu weinen, er wusste nicht weshalb und konnte es nicht erklären, es geschah einfach. Sie nahm ihn in die Arme, dann war es vorbei.

Nein, natürlich ging das nicht ganz so schnell. Aber schneller als es jeder für möglich gehalten hatte. Sie war immer da, sie war da für ihn, kümmerte sich um ihn, sie nahm in ernst, hörte ihm zu, sie war streng und unnachgiebig. Die nächsten Wochen erhielt er einen Crashkurs in Sachen Respekt und Nächstenliebe. Er hörte auf sie, nie zuvor hatte er auf jemanden gehört. Er lerne sich kontrollieren und seine Gefühle in Zaum zum halten. Er war glücklich und stolz.

Heute ist sein achtzehnter Geburtstag. Endlich erwachsen! Seine letzte Beurteilung ist gut, er darf raus, er ist frei, das ganze Leben vor sich. Und da ist eine Perspektive wo vorher nur Nebel war. Die ersten Schritte auf diesem Weg führen ihn in den nächsten Blumenladen, wo er den ersten Strauß rote Rosen seines Lebens kauft.

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Minimal Demokrat

geschrieben in gesellschaftliches, politisches am Februar 17th, 2010 von ra.f.

Heute ist politischer Aschermittwoch. Nun ja, das wird vielen, so wie mir auch, ziemlich gleichgültig sein. Offen gestanden, das tägliche Kasperletheater der Politik interessiert mich fast überhaupt nicht. Es reicht mir meist völlig einmal die Woche eine grobe Zusammenfassung der Schlagzeilen zu bekommen. Aber da ist eine Frage die ich mir immer wieder stelle. Was ist das Minimum an Bürgerpflicht das ich meinem demokratischen Land schuldig bin?

Denn meine grundsätzliche Überzeugung  ist es schon, dass die freiheitlichen Privilegien , die soziale und gesellschaftliche Sicherheit  und auch der relative Wohlstand in dem ich lebe, keine gottgegebene Selbstverständlichkeit ist, sondern etwas woran das demokratische Prinzip in diesem Land einen großen Anteil hat und wofür viele Menschen in der Vergangenheit sehr viel gegeben haben und das auch heute noch tun. Was muss  also ein pflichtbewusster Demokrat tun, damit er dieses Prinzip 1. nicht durch Gleichgültigkeit schwächt und 2. sich als Teil eines stabilen Rückrates einer demokratischen Gesellschaft bezeichnen darf?

Spontan fällt einen zum Thema Bürgerpflicht ein: wählen gehen. Richtig, und allgemeiner gesagt, alle Pflichten erfüllen die das Grundgesetz dem Einzelnen auferlegt. Reicht das aus? Nein, ich schätze nicht, denn das sind alles rein passive Dinge (auch “wählen gehen” kann eine rein passive Handlung sein). Darüber hinaus macht es das Grundgesetz zu dem goldenen Kalb, von dem das gesamte demokratische Prinzip auszugehen scheint, was aber eine falsche Sichtweise ist, denn das Grundgesetz ist nur Ausdruck des demokratischen Kodex bzw. Gesellschaftsvertrags, nicht aber dessen Ursprung.

Also was gehört dazu um ein aufrechter Minimal-Demokrat zu sein?  Abschließend habe ich diese Frage für mich noch nicht geklärt,  aber eines gehört sicherlich dazu: Wachsamkeit!
Damit meine ich Wachsamkeit gegenüber Entwicklungen die der Demokratie nachhaltig Schaden zufügen. Da stellen sich natürlich wieder zwei Fragen: 1. Wer bestimmt was schädlich für die Demokratie ist und 2. was ist zu tun wenn die Alarmglocken läuten? Meine aktuelle Antwort auf diese Fragen lauten: ich bestimme, was schädlich ist für meine Demokratie und ich bestimme was dann zu tun ist! Denn ich als einzelnes Individuum forme mit meiner Meinung und meinen Handlungen diese Gesellschaft mit. Und das Gesamtsystem Demokratie das sich daraus bildet, ist mehr als die Summe seiner Teile und es organisiert und erhält sich dadurch selbst.

Soviel zur Theorie.

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Courage Fehlanzeige

geschrieben in alltägliches, gesellschaftliches am Dezember 27th, 2009 von ra.f.

“Mädel, die Tür ist da um den Rauch draußen zu halten.” fährt der alte Glatzkopf  in einem rüden Kommandoton die Kellnerin an. “Mach die Tür gefälligst hinter dir zu wenn du rein kommst. Und merkt dir das”. Die verdutzte Kellnerin war geschockt und konnte darauf nur noch ein kleinlautes “ja mach ich” erwidern. Diese kleine Szene beobachtete ich heute in einem Café.

Was bildete der Typ sich ein? Was glaubt der, wer er ist? Wie kommt er dazu in so einem Ton mit seinen Mitmenschen zu reden?  Spielt sich auf wie der König von Deutschland. Mag er in der Sache ja recht haben, aber das ist keine Art das zu äußern. Das sind keine Manieren! Das kann man auch freundlich sagen! So war meine empörte und gefühlte Reaktion darauf.

Nun gut, solche Leute wird es immer geben und solche Szenen spielen sich immer wieder ab. Unbemerkt oder ignoriert und unkommentiert.

Wieso hab ich nichts gesagt? Wieso hab ich mich nicht eingemischt und den Kerl darauf hingewiesen, dass seine Art und Weise so nicht akzeptabel ist? Das hab ich mich später dann gefragt. War das nicht eine Situation in der die viel beschworene Zivilcourage gefragt gewesen wäre? Ja, ich denke schon! Ok, der Bedienung  ist kein körperlicher Schaden zugefügt worden, aber wenn man bereits in solchen – eher harmlosen – Situationen nicht gegen schreiendes Unrecht seinen Mund aufmachen kann, wie kann man sich das dann in anderen -  kritischen oder gewalttätigen – Situationen zutrauen?

Edle Vorsätze! … völliges Versagen bei der Umsetzung! Das ist der Kern des Problems beim Thema Zivilcourage. Gerade bei solchen Alltagssituationen wird keine Kamera in der Nähe sein die dich als Held (oder Märtyrer)  über den Bildschirm flimmern lässt. Keine Gewinnerwartung! Nur der eigenen Feigheit muss man ins Gesicht sehen.

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Zukunft der Anonymität

geschrieben in gesellschaftliches, politisches am Dezember 15th, 2009 von ra.f.
Eine Szene aus dem Film 1984
Wird man sich zukünftig noch anonym im Netz bewegen können? Oder wird Orwells 1984 mit ein paar Jahren Verspätung und etwas anderer Kulisse vielleicht doch die Realität beherrschen?

“Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.”

Das sagt Eric Schmidt, CEO von Google in einem Fernseh-Interview des Senders CNBC  (übersetzt von Spiegel-Online).

Wird Google unser Big Brother sein? Wohl eher nicht, dazu fehlen selbst diesem Giganten die nötigen Instrumente. Aber die Rolle des “Ministeriums für Wahrheit” könnte Google durchaus gut ausfüllen. Und das wahrscheinlich nicht erst in ferner Zukunft. Bereits heute bestimmt Google – in erster Linie bedingt durch die ungeheure Marktdominanz der Suchmaschine – welche Information der Surfer zu Gesicht bekommt und welche Information Googles Relevanz-Kriterien nicht erfüllt.  Und auf der anderen Seite sammelt das Unternehmen fleißig Daten der User, teilweise ganz offen und teilweise im verborgenen. Schmidt deutet auch an, wer dieser Big Brother sein könnte, er sagt:

“… it’s possible that this information could be made available to the authorities”

Letztendlich spielt es keine Rolle ob er damit ausschließlich die US Behörden meint. Andere Länder, z.B.  China, sind da wahrscheinlich schon ein großes Stück weiter.

Aber wie steht es nun um die Zukunft der Anonymität für den Einzelnen? Nun gut, insgesamt glaube ich nicht das man hier die weitere Entwicklung zu sehr schwarz malen sollte. Sicherlich wird die aktuelle Entwicklung noch einige Zeit weitergehen und wir alle werden noch gläserner werden. Das ist schlimm genug. Aber irgendwann wird das Bewusstsein dafür geschaffen sein und es wird eine starke Gegenbewegung geben (müssen). Ich bin der Ansicht, dass  das sowohl auf technischem als auch auf kulturellem Gebiet passieren wird und bereits begonnen hat.

Man wird vielleicht nicht unsichtbar sein, aber ein gute Tarnung erfüllt fast den gleichen Zweck. Es wird technische Methoden geben, die dem Nutzer diese Tarnung im Netz ermöglichen. Die Informationssammler könnten beispielsweise in einem Datenrauschen ersticken, das ihnen nicht mehr die Möglichkeit bietet echte von falscher Nutzer-Aktivität zu unterscheiden. Die Verfahren sind bereits vorhanden und man wird sie anwenden um der Gier von Unternehmen wie Google etwas entgegen zu setzen.

Und kulturell betrachtet? Ich meine auch hier kann man die Entwicklung bereits sehen. Der erfolgreiche Kampf der Piratenpartei und anderer Organisationen gegen das “Zugangserschwerungsgesetz” ist ein gutes Beispiel dafür. Wir sollten unsere demokratischen Prinzipien nicht klein reden, sondern wir sollten auf sie vertrauen. Und wir sollten sie vor allem auch anwenden. Das ist unser gutes Recht. Damit erst gar kein Big Brother entstehen kann.

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