Das Konzert

geschrieben in menschliches am März 5th, 2010 von ra.f.
(Fortsetzung von hier)

Er spürt wie sie ihn plötzlich anblickt. Er fühlt sich ertappt, wie ein schüchterner Junge der etwas verbotenes tut. Das war ein Gefühl das er lange schon nicht mehr kannte.

Es gab eine Zeit da war das anders, da fühlte er das Leben in sich auf blühen, vergessen war die trostlose Kindheit. Es war der Tag des Konzertes. Es war im Sommer, im Stadion, ein Open-Air, er und seine Kumpels ganz vorne dabei. Die Stimmung war berauschend noch ehe die Band die Bühne betrat. Von hinten wurde mit unwiderstehlicher Gewalt geschoben, es war eng und es war heiß. Ein Duft stieg ihm in die Nase, eine Mischung aus milder Seife und zartem Schweiß. Erst jetzt registrierte er das Mädchen vor ihm und spürte wie ihre Körper aneinander gepresst wurden. Die Band begann zu spielen und die Atmosphäre wurde magisch. Langsam begannen sie sich rhythmisch zur Musik zu bewegen, miteinander zu tanzen, es war ein wundervoller Moment. Der Abend wurde langsam zur Nacht und ein heftiger Sommerregen setzte ein, in den Regentropfen vor seinen Augen  brachen sich die Lichter der Bühne zu einem Kaleidoskop aus Farben. Der Druck der Menge ließ etwas nach, doch ihre Verschmelzung wurde intensiver als sich ihre Hände fanden. So tanzten sie miteinander bis die letzte Zugabe gespielt war und die grellen Scheinwerfer das Stadion fluteten. Nur einen Augenblick ließ er sie aus den Augen. Als er sich wieder umdrehte war sie verschwunden.Voll Schrecken suchten seine Augen die Umgebung ab und Erleichterung machte sich breit als er sie wiederfand. Sie drehte sich um, ihre Blicke verliebten sich. Es war das erste mal das er ihr Gesicht sah … die Menge löste sich auf, seine Kumpels zogen ihn mit sich, er riss sich los, wühlte sich gegen den Strom, doch sie war verschwunden … es war das letzte mal das er ihr Gesicht sah.

Das alles lag lange zurück. Er hat sie nie wieder gesehen, er konnte nie aufhören an sie zu denken. Er hat sie gesucht, überall, voll Hoffnung zuerst, dann nur mehr aus purer Verzweiflung. Es wurde zur Obsession, nichts anderes in seinem Leben hatte noch Bedeutung, er verlor sich, er verblühte und alle sahen nur noch den Versager in ihm.

Irgendwann war er dagegen abgestumpft. Wollte all die Vorwürfe nicht mehr hören, hat einfach dicht gemacht, nichts konnte ihn mehr erreichen. Damals hatte er das Trinken angefangen. Es half ihm durch die Nächte, half ihm nicht an sie zu denken, half ihm nicht an sein verkorkstes Leben zu denken. Als er merkte was es aus ihm machte war es zu spät. Er konnte nicht damit aufhören, auch wenn die Wirkung längst verflogen war. Damals starb er das erste Mal.

Jetzt saß er hier, auf dieser Bank an diesem See. Er musste einen abstoßenden Anblick abgeben. Hatte sie Angst vor ihm? Er könnte es verstehen, denn er war nicht mehr als ein Geist … ein Niemand!

(Fortsetzung siehe “Zeit zu gehen“)

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